10 Maximen für das Kinder- und Jugendbuch


1. Verlegen heißt Büchern Chancen geben. Darin steckt implizit, dass natürlich auch umgekehrt Bücher Verlagen und den in Verlagen Tätigen Chancen verschaffen.

2. Der Autor ist der Dreh- und Angelpunkt verlegerischen Bemühens. Es wird in der Auseinandersetzung um die Reform des Urheberrechts immer wieder versucht, einen Keil zwischen die Urheber und die sogenannten Verwerter zu treiben. Dahinter stecken fatale Missverständnisse über die jahrhundertelange, keineswegs konfliktfreie, aber fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Autoren und Verlagen.

3. Die Verantwortlichen im Verlag tragen die Verantwortung. Sie können sich nicht darauf herausreden, dass der Markt alles richtet.

4. Der Markt liest nicht – es lesen Individuen. Lesen ist einer der persönlichsten, intimsten Vorgänge, die wir Menschen erleben können. Wer seinen kindlichen Lesern »kindgerechte« Bücher andreht und wer jugendliche Leser als »Kids« anredet, degradiert sie zu Konsumenten, also zu Objekten seiner Geschäfte. »Social reading« kann wie Reden über Bücher eine lebendige Ergänzung der eigenen Lektüre sein, nicht mehr und nicht weniger.

Daniel Pennac hat das in seinem wunderbaren Buch Wie ein Roman erklärt:

Das Verb »lesen« duldet keinen Imperativ. Eine Abneigung, die es mit ein paar anderen teilt: dem Verb »lieben«, dem Verb »träumen« ...

Man kann es natürlich trotzdem versuchen. Probieren Sie es mal: »Liebe mich!« »Träume!« »Lies!« ... Ergebnis? Null.

5. Der unabhängige Buchhändler, der unabhängige Verlag und der unabhängige Buchkäufer bzw. Buchleser sind das trio vital unseres Geschäfts. Unter »Geschäft« verstehe ich das, was wir gemeinsam schaffen. Unabhängig in diesem Sinn kann auch ein Konzernverlag sein, der sein eigenes Gesicht, seinen eigenen Stil hat. Unabhängig kann auch eine Buchhändlerin in einem Kettenfiliale sein, die neben den Einkaufslisten ihrer Zentrale das Sortiment mit eigenen Buchpräferenzen bestückt.

6. Lektoren, Gestalter und Vermittler sind die Scharniere in diesem Trio. Wer das Lektorat vernachlässigt, wer bei Buchherstellung, Papier, Druck, Einbandgestaltung billige Wege geht, wer online-Gebrabbel höher schätzt als qualifizierte Kritik, der gefährdet die Substanz der Bücher.

7. Es geht nicht um »Content« – es geht um Geschichten. Form und Inhalt sind klassische Gegensätze. Aber gibt es sie, die reine Form? L´art pour l´art? Gibt es ihn, den reinen Inhalt? Wörter, Sätze, Atome, Digits? Es gibt keine Form ohne Inhalt, und es gibt keinen Inhalt ohne Form. Man kann Inhalte verwandeln, verändern, transponieren, umfärben, vertonen, verfilmen, versonstwassen. Alle Kunst, auch Literatur, unterscheidet sich immer an der einen Frage, wie Form und Inhalt kombiniert sind. Geschichten sind erzähltes Leben (egal, ob real oder erfunden).

8. Viele Medieninhalte werden in digitaler Form besser oder sogar erst möglich – aber nicht alles wird digital. Umberto Eco hat das so ausgedrückt: »Das Buch ist wie der Löffel, der Hammer, das Rad oder die Schere: Sind diese Dinge erst einmal erfunden, lässt sich nichts Besseres mehr machen. An einem Löffel gibt es nichts zu verbessern.« So sehe ich das auch.

9. Beides ist riskant: einem Trend zu folgen oder selbst einen zu setzen. »Wer den Zeitgeist heiratet, ist morgen schon Wittwer« hat Bischof Reinhard Marx formuliert. Es macht auch mehr Spaß, selbst innovativ zu sein.

10. Nur wer an seine eigenen Bücher glaubt, kann andere davon überzeugen. Und man braucht viele Mitstreiter, um aus einem guten Buch auch ein gut verbreitetes Buch zu machen.

Um es mit Ilija Trojanow zu sagen: »Die Welt ist groß und Rettung lauert überall.«

Mit herzlichem Dank an Christian Stottele, Wolfgang Hartmann, Christian Warweg, Peter Usborne, Volker Neumann, Karl Heinz Pütz, Craig Virden, Hans-Joachim Gelberg, Andreas Meyer, Edite Kroll, Michael Krüger und viele weitere kluge Verlagsmenschen.

Ulrich Störiko-Blume